
„Pflegt schöne Erinnerungen an die Zeit vor dem Change – für Commitment statt Widerstand.“
Das ist die Kernaussage einer aktuellen Forschungsarbeit von Wissenschaftler:innen der Universitäten Rotterdam, Lausanne und Southampton.
Und dahinter steckt ein Gedanke, der für Veränderungsprozesse in Unternehmen ziemlich spannend ist:
Wer Veränderung gestalten will, sollte nicht nur über die Zukunft sprechen. Manchmal lohnt sich auch ein Blick zurück.
Denn Veränderungen werden von Menschen häufig zunächst als Bedrohung wahrgenommen. Das ist nicht unbedingt irrational oder Ausdruck einer „Veränderungsunwilligkeit“.
Aus evolutionärer Sicht macht diese Reaktion sogar ziemlich viel Sinn:
Das Unbekannte konnte schon immer eine potenzielle Gefahr darstellen.
Und dann kommt noch etwas dazu: Neues kostet Energie.
Neue Prozesse verstehen.
Neue Systeme lernen.
Neue Rollen ausfüllen.
Gewohnheiten verändern.
Sich von Dingen verabschieden, die bisher funktioniert haben.
Das Gehirn liebt Routinen nicht ohne Grund. Sie sparen Energie.
Damit sind schon einmal mindestens zwei ziemlich gute Gründe für Widerstand vorhanden:
Gefahr + zusätzlicher Aufwand.
Kein Wunder also, dass Veränderungsprozesse in Unternehmen nicht automatisch Begeisterung auslösen.
Aber genau hier wird es interessant.
Die Forschung deutet darauf hin, dass positive Erinnerungen an die Zeit vor der Veränderung dabei helfen können, die Verbundenheit mit einem Unternehmen zu stärken.
Nicht nach dem Motto:
„Früher war alles besser.“
Sondern eher:
„Es gab eine Zeit, in der wir gemeinsam etwas aufgebaut, erlebt und geschafft haben. Und genau diese Geschichte gehört weiterhin zu uns.“
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn schöne Erinnerungen können Wertschätzung erzeugen.
Für Menschen.
Für gemeinsame Erfolge.
Für die Unternehmenskultur.
Für das, was einmal gut funktioniert hat.
Und daraus kann etwas entstehen, das in Veränderungsprozessen besonders wertvoll ist:
Commitment statt Abwehr.
Wer sich mit der eigenen Vergangenheit und der Geschichte eines Unternehmens verbunden fühlt, muss Veränderungen nicht zwangsläufig als Angriff auf das bisherige Selbstverständnis erleben.
Die Botschaft lautet dann nicht:
„Alles, was bisher war, ist falsch. Jetzt wird alles anders.“
Sondern:
„Das, was uns bisher ausgemacht hat, war wertvoll. Und genau darauf bauen wir jetzt auf.“
Das verändert die Perspektive.
Und vielleicht braucht es dafür manchmal gar keine großen Maßnahmen.
Vielleicht reicht eine Geschichte aus den Anfangsjahren des Unternehmens.
Ein altes Foto.
Ein Produkt, das längst verschwunden ist.
Eine Anekdote aus einem legendären Projekt.
Der erste Standort.
Ein Teamfoto.
Ein gemeinsamer Erfolg, auf den damals alle stolz waren.
Oder einfach die Frage:
„Was war eigentlich richtig gut, bevor sich alles verändert hat?“
Denn natürlich war früher nicht alles besser.
Aber es war auch nicht alles schlecht.
Manches hat damals einfach perfekt gepasst.
Manches war neu und innovativ.
Manches war der heißeste Shit seiner Zeit.
Und manches darf heute einfach mit einem nostalgischen Lächeln betrachtet werden.
Zum Beispiel die Zeit vor Streaming, Smartphones und Algorithmen.
Guns N' Roses und Prince.
Mixtapes im Walkman.
Kaugummizigaretten.
Drehscheibentelefone.
Der Commodore 64.
„Ein Colt für alle Fälle“.
Und bei Freunden in der Nachbarschaft klingeln, um zu fragen, ob jemand Zeit zum Spielen hat.
Oder stundenlang vor einem Kassettenrecorder sitzen, um beim Radio die Lieblingssongs mitzuschneiden.
Und dann:
„Und jetzt die aktuellen Verkehrsmeldungen …“
Panik.
Denn gerade läuft der Lieblingssong.
Oder die Mutter ruft zum Essen.
Solche Erinnerungen sind natürlich kein Plädoyer dafür, die Vergangenheit zurückzuholen.
Niemand möchte ernsthaft wieder Kassetten mit Bleistift zurückspulen müssen.
Aber sie zeigen etwas Entscheidendes:
Vergangenheit schafft Identität.
Und Identität kann ein wichtiger Anker sein, wenn sich gerade vieles verändert.
Deshalb sollten Entscheider:innen Veränderung nicht ausschließlich über Zielbilder, KPIs, Roadmaps und neue Prozesse kommunizieren.
Auch die Vergangenheit darf einen Platz bekommen.
Was soll bewahrt werden?
Worauf kann man stolz sein?
Welche Geschichten erzählen wir weiter?
Welche Menschen haben das Unternehmen geprägt?
Was hat uns bisher erfolgreich gemacht?
Erst wenn Wertschätzung für das Bestehende spürbar wird, wird Veränderung leichter anschlussfähig.
Denn Menschen müssen nicht davon überzeugt werden, dass ihre Vergangenheit wertlos war, damit sie eine neue Zukunft akzeptieren.
Im Gegenteil:
Vielleicht braucht es manchmal genau die Würdigung des Alten, damit das Neue eine echte Chance bekommt.
Change bedeutet schließlich nicht:
„Vergiss, was war.“
Sondern idealerweise:
„Nimm das Wertvolle mit – und entwickle den Rest weiter.“
Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Veränderung, gegen die sich Menschen wehren, und Veränderung, an der sie sich beteiligen.
Nicht Vergangenheit gegen Zukunft.
Sondern Vergangenheit als Brücke in die Zukunft.
Hach, war auch schön. 😊
Ein unverbindliches Gespräch kann der erste Schritt zu klaren Entscheidungen und wirksamer Veränderung sein.
